Kind(er)
Veröffentlicht am 24.10.2026
Ein Familiendrama in drei Akten
Personen
ERIK, 45 Jahre. Ehemann und Vater. Akademiker, erfolgreich im Beruf. Pflichtbewusst, kontrolliert, stolz darauf, seiner Familie Sicherheit geschaffen zu haben.
ANNA, 42 Jahre. Seine Frau. Seit zwanzig Jahren mit Erik verheiratet. Mutter von drei Kindern. Arbeitet einige Stunden als Verkäuferin und hat zusätzlich eine Tätigkeit bei einer Bank begonnen.
LEON, 10 Jahre. Der älteste Sohn. Beobachtet mehr, als die Erwachsenen glauben.
MIA, 8 Jahre. Die Tochter. Sensibel, direkt und voller Fragen.
JONAS, 6 Jahre. Der jüngste Sohn. Versteht die Ereignisse nicht, spürt aber jede Veränderung.
DAVID, 39 Jahre. Ein Mann aus Annas neuem beruflichen Umfeld.
ERSTER AKT
Szene 1 – Abendessen
Ein Esszimmer. Kein Luxus, aber alles ist ordentlich und gepflegt.
Auf dem Tisch stehen Teller, Gläser und eine Schüssel mit Nudeln.
ANNA sitzt mit den Kindern am Tisch. Ein vierter Stuhl ist leer.
JONAS schiebt eine Nudel über seinen Teller.
JONAS
Wann kommt Papa?
ANNA
Bald.
MIA
Das hast du vorhin auch gesagt.
ANNA
Dann stimmt es ja immer noch.
Die Haustür.
ERIK kommt herein. Jackett über dem Arm, Aktentasche in der Hand.
ERIK
Entschuldigung.
JONAS springt auf.
JONAS
Papa!
ERIK fängt ihn auf.
ERIK
Na, mein Großer.
MIA
Das Essen ist kalt.
ERIK
Dann wärmen wir es wieder auf.
Er küsst ANNA flüchtig.
ERIK
Alles gut?
ANNA
Ja.
Eine kleine Pause.
ERIK
Wie war dein erster richtiger Tag bei der Bank?
ANNA
Gut.
ERIK
Nur gut?
ANNA
Sehr gut.
ERIK
Na also.
Er setzt sich.
LEON
Mama hat jetzt zwei Jobs.
ERIK
Mama wollte das so.
ANNA
Mama sitzt auch mit am Tisch.
Stille.
ERIK schaut sie an.
ERIK
So war das nicht gemeint.
ANNA
Ich weiß.
Die Familie beginnt zu essen.
Für einen Augenblick sieht alles vollkommen normal aus.
Szene 2 – Später
Die Kinder schlafen.
ANNA räumt die Küche auf. ERIK sitzt am Tisch und arbeitet am Laptop.
ANNA
Kannst du das nicht morgen machen?
ERIK
Morgen habe ich keine Zeit.
ANNA
Das sagst du jeden Abend.
ERIK
Weil es jeden Abend stimmt.
ANNA stellt ein Glas etwas zu hart auf die Arbeitsfläche.
ERIK schaut auf.
ERIK
Was ist?
ANNA
Nichts.
ERIK
Anna.
ANNA
Ich möchte nicht immer nur gefragt werden, was ist, wenn man eigentlich keine Zeit für die Antwort hat.
ERIK klappt den Laptop zu.
ERIK
Jetzt habe ich Zeit.
ANNA
Jetzt will ich nicht mehr.
Sie geht.
ERIK bleibt sitzen.
Nach einigen Sekunden öffnet er den Laptop wieder.
Szene 3 – Die Nachricht
Licht auf ANNA.
Sie steht allein.
Ihr Telefon vibriert.
Sie liest.
Zum ersten Mal lächelt sie.
Dann tippt sie.
Löscht.
Tippt wieder.
Schickt die Nachricht ab.
Dunkel.
Szene 4 – Einige Wochen später
Das Esszimmer.
Wieder Abendessen.
Diesmal sitzt ERIK bereits mit den Kindern am Tisch.
ANNA kommt herein.
ERIK
Da bist du ja.
ANNA
Es wurde später.
ERIK
Schon wieder?
ANNA
Wir mussten noch etwas besprechen.
ERIK
Wer ist wir?
Eine kurze Pause.
ANNA
Die Kollegen.
ERIK
Welche Kollegen?
ANNA
Was soll das jetzt?
LEON beobachtet beide.
ERIK
Nichts. Ich frage nur.
MIA
Mama?
ANNA
Ja?
MIA
Kommst du morgen zu meinem Vorsingen?
ANNA erstarrt.
ANNA
Morgen?
MIA schaut sie an.
MIA
Du hast es versprochen.
ANNA
Natürlich komme ich.
MIA
Ganz sicher?
ANNA
Ganz sicher.
ERIK sieht ANNA an.
Sie weicht seinem Blick aus.
ZWEITER AKT
Szene 1 – Der Fund
Nacht.
ERIK sitzt allein im Wohnzimmer.
Auf dem Tisch liegt ANNAS Telefon.
Es vibriert.
ERIK schaut nicht hin.
Noch einmal.
Er nimmt es.
Auf dem Display erscheint eine Nachricht.
Er liest nur wenige Worte.
Sein Gesicht verändert sich.
ANNA kommt herein.
Sie bleibt stehen.
ANNA
Was machst du mit meinem Handy?
ERIK antwortet nicht.
ANNA
Erik.
Er hält ihr das Telefon hin.
ERIK
Wer ist David?
Stille.
ANNA
Gib mir mein Handy.
ERIK
Wer ist David?
ANNA
Nicht hier.
ERIK
Wo dann?
ANNA
Die Kinder schlafen.
ERIK
Dann solltest du leise antworten.
ANNA
Bitte.
ERIK
Seit wann?
Sie schweigt.
ERIK
Seit wann?
ANNA
Ein paar Monate.
ERIK lacht einmal. Trocken. Ungläubig.
ERIK
Monate.
ANNA beginnt zu weinen.
ERIK
Nein.
ANNA
Was?
ERIK
Wein jetzt nicht.
ANNA
Ich kann—
ERIK
Du kannst alles. Offenbar.
ANNA
Es ist nicht so einfach.
ERIK
Doch. Genau das ist es gerade.
Er steht auf.
ERIK
Zwanzig Jahre.
ANNA
Ich weiß.
ERIK
Nein. Sag nicht, dass du es weißt.
Er zeigt auf die Wände.
ERIK
Dieses Haus. Die Kinder. Du und ich. Zwanzig Jahre.
ANNA
Glaubst du, ich hätte diese zwanzig Jahre vergessen?
ERIK
Ich weiß gerade überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll.
Auf der Treppe erscheint LEON.
Von den Eltern unbemerkt.
ANNA
Ich war einsam.
ERIK
Du warst einsam?
ANNA
Ja.
ERIK
Ich habe für uns gearbeitet!
ANNA
Genau das ist es!
Stille.
ANNA
Du hast für uns gearbeitet. Du hast bezahlt. Du hast organisiert. Du hast alles geregelt.
Leiser:
ANNA
Aber irgendwann hast du aufgehört, mich zu sehen.
ERIK sieht sie lange an.
ERIK
Und deshalb gehst du mit einem anderen Mann ins Bett?
ANNA schweigt.
LEON auf der Treppe schließt die Augen.
Dunkel.
Szene 2 – Die Kinder
Kinderzimmer.
MIA und JONAS liegen in ihren Betten.
LEON kommt herein.
MIA
Die streiten.
LEON
Schlaf.
MIA
Warum?
LEON
Weiß ich nicht.
MIA
Du weißt es.
LEON
Nein.
JONAS
Lassen die sich scheiden?
Stille.
MIA
Nein.
JONAS
Woher weißt du das?
MIA antwortet nicht.
JONAS beginnt zu weinen.
LEON setzt sich zu ihm.
LEON
Hey.
JONAS
Ich will nicht zwei Häuser.
LEON
Du bekommst keine zwei Häuser.
JONAS
Woher weißt du das?
LEON sieht zur Tür.
LEON
Weiß ich nicht.
Zum ersten Mal klingt er wieder wie ein zehnjähriges Kind.
Szene 3 – Danach
Morgen.
Der Frühstückstisch.
Niemand isst.
ANNA hat rote Augen.
ERIK starrt in seine Kaffeetasse.
Die Kinder sitzen dazwischen.
MIA
Papa?
Keine Antwort.
MIA
Papa.
ERIK
Ja?
MIA
Bist du traurig?
ERIK schaut sie an.
ERIK
Nein.
LEON
LEON
Doch.
Stille.
ERIK
Leon—
LEON
Du lügst.
ANNA
Leon!
LEON
Ihr lügt beide!
Er springt auf.
LEON
Immer sagt ihr, wir sollen die Wahrheit sagen!
Er läuft hinaus.
MIA beginnt zu weinen.
JONAS sieht seine Mutter an.
JONAS
Hast du was Böses gemacht?
ANNA bringt kein Wort heraus.
JONAS
Mama?
ERIK steht abrupt auf und geht.
Jetzt sitzt ANNA allein mit den beiden Kindern.
DRITTER AKT
Szene 1 – Zerfall
Die Bühne wird geteilt.
Links ERIK.
Rechts ANNA.
In der Mitte die drei Kinder.
Die Erwachsenen sprechen, ohne einander anzusehen.
ERIK
Ich kann ihr nicht mehr vertrauen.
ANNA
Ich habe einen Fehler gemacht.
ERIK
Einen Fehler?
ANNA
Ich kann ihn nicht rückgängig machen.
ERIK
Ich habe zwanzig Jahre meines Lebens—
ANNA
Unseres Lebens.
ERIK
Du hast entschieden.
ANNA
Ja.
ERIK
Für uns alle.
ANNA schweigt.
In der Mitte nimmt JONAS zwei Spielzeugfiguren und stellt sie weit auseinander.
MIA nimmt sie und stellt sie wieder zusammen.
JONAS trennt sie erneut.
MIA
Hör auf!
JONAS
Die wohnen nicht mehr zusammen.
MIA
Doch!
JONAS
Nein!
MIA schlägt ihm die Figur aus der Hand.
JONAS weint.
LEON schreit:
LEON
HÖRT AUF!
Alle erstarren.
LEON steht in der Mitte der Bühne.
LEON
Alle sollen einfach aufhören.
Pause.
LEON
Papa soll aufhören zu schreien. Mama soll aufhören zu weinen. Mia soll aufhören zu fragen. Jonas soll aufhören zu sagen, dass Mama weggeht.
Er kämpft mit den Tränen.
LEON
Und ich will aufhören müssen, auf alle aufzupassen.
Stille.
ERIK sieht seinen Sohn an.
Zum ersten Mal bricht seine Fassade.
Er setzt sich.
Szene 2 – Vater und Sohn
Später.
ERIK und LEON allein.
ERIK
Du musst auf niemanden aufpassen.
LEON
Doch.
ERIK
Nein.
LEON
Wenn du nicht da bist.
ERIK schweigt.
LEON
Und wenn Mama weint.
ERIK
Das ist nicht deine Aufgabe.
LEON
Wessen dann?
ERIK findet keine Antwort.
LEON setzt sich neben ihn.
LEON
Papa?
ERIK
Ja?
LEON
Liebst du Mama noch?
Lange Pause.
ERIK
Ich weiß es nicht.
LEON
Kann man das nicht wissen?
ERIK sieht ihn an.
ERIK
Manchmal nicht.
LEON
Liebst du uns noch?
ERIK erschrickt.
ERIK
Natürlich.
LEON
Auch wenn Mama das gemacht hat?
Jetzt versteht ERIK.
Er zieht seinen Sohn an sich.
ERIK
Hör mir zu. Ganz genau.
LEON sieht ihn an.
ERIK
Was zwischen Mama und mir passiert ist, hat nichts mit meiner Liebe zu euch zu tun.
LEON
Versprochen?
ERIK
Versprochen.
LEON lehnt seinen Kopf an die Schulter seines Vaters.
Nach einer Weile:
LEON
Papa?
ERIK
Hm?
LEON
Du weinst.
ERIK wischt sich über das Gesicht.
ERIK
Ja.
LEON
Ist nicht schlimm.
ERIK lacht unter Tränen.
ERIK
Nein.
Pause.
ERIK
Ist nicht schlimm.
Szene 3 – Kind(er)
Fast leere Bühne.
Drei Stühle stehen nebeneinander.
Die Kinder sitzen darauf.
Hinter ihnen stehen ERIK und ANNA. Zwischen den Erwachsenen ist Abstand.
MIA
Mama wohnt jetzt manchmal woanders.
JONAS
Papa sagt, nur eine Weile.
LEON
Er sagt nicht mehr, wie lange.
MIA
In der Schule haben sie gefragt, warum Mama mich nicht mehr jeden Morgen bringt.
JONAS
Ich hab gesagt, Mama arbeitet.
MIA
Mama arbeitet auch.
LEON
Darum geht es nicht.
Pause.
JONAS
Sind wir noch eine Familie?
Die Erwachsenen sehen sich an.
Keiner antwortet.
JONAS
Papa?
ERIK geht vor seinem Sohn in die Knie.
ERIK
Ja.
JONAS
Sind wir noch eine Familie?
ERIK öffnet den Mund.
Aber bevor er antworten kann, spricht LEON.
LEON
Wir sind die Kinder.
Stille.
MIA nimmt JONAS’ Hand.
Dann nimmt sie LEONS Hand.
ANNA beginnt zu weinen.
ERIK sieht die drei Kinder an.
ERIK
Ja.
Pause.
ERIK
Ihr seid die Kinder.
LEON sieht ihn an.
LEON
Und du?
ERIK schweigt.
Sehr lange.
Dann setzt er sich auf den Boden vor seine Kinder.
Nicht mehr als der erfolgreiche Mann.
Nicht als Ernährer.
Nicht als derjenige, der alles reparieren kann.
Einfach als Mensch.
ERIK
Ich weiß es gerade nicht.
LEON streckt seine Hand aus.
ERIK nimmt sie.
ANNA steht einige Schritte entfernt.
Sie möchte auf die Familie zugehen.
Sie macht einen Schritt.
Bleibt stehen.
Das Licht wird langsam dunkler.
Nur die drei Kinder und ERIK bleiben beleuchtet.
JONAS
Papa?
ERIK
Ja?
JONAS
Kommst du morgen zu meinem Fußballspiel?
ERIK schaut ihn an.
ERIK
Ja.
JONAS
Ganz sicher?
Eine lange Pause.
ERIK
Ganz sicher.
Dunkel.
ENDE